Seite auswählen

Der Interview Partner ist verifiziert Polizist beim G20-Gipfel in Hamburg, außerdem ehemals kurdischer Flüchtlinge aus der Türkei.

Hatten Sie psychologische Betreuung vor Ort?
Es gab lediglich medizinische Versorgung vor Ort. Eine psychologische Betreuung war nicht vorhanden.

Wie waren die Demonstrationen tagsüber und nachts?
Es haben am Tage viele friedliche Demos stattgefunden. Doch sobald der Schwarze Block anwesend war – meist am Abend / in der Nacht – war mit Gewalt zu rechnen. Stets legten diese Vermummung an, es wurde aufgerufen gegen die Polizei vorzugehen und dann flogen Gegenstände.

Was haben Sie mitbekommen von Gewalt und Drohungen gegen Journalisten durch Polizeikräfte?
Dazu kann ich nichts sagen, da ich sowas nicht beobachtet habe. Ich betrachte Pressemitarbeiter ähnlich wie Einsatzkräfte. Sie machen nur ihren Job.

Eine Ausnahme gibt es jedoch. Sofern sie verletze Personen aus einer Entfernung von wenigen Metern frontal fotografieren. Das habe ich paar mal bei Verkehrsunfällen beobachtet. Bei sowas werde gereizt und dränge sie dann gern etwas zurück. Wenn sie dann noch freundlich sind und nicht alles als selbstverständlich ansehen, bin ich sogar bereit Informationen herauszugeben. Ähnlich nach dem Sprichwort: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus.“

Unter anderem in der Huffpost gibt es erschreckende Erfahrungsberichte von Journalisten. Was sagen Sie zu beispielsweise diesem Artikel?
Ein sehr interessanter Bericht. Ich habe selbst sowas nicht erlebt oder beobachtet.
Er hätte es filmen sollen und dann hätte man die Kräfte ausfindig gemacht. Sowas schadet der Außenwirkung der gesamten Polizei und ist nicht zu dulden!

Von wo ging Gewalt aus?
Vorab, wir haben ein gewaltiges Problem in der Bevölkerung. Das „Feindbild Polizei“ ist leider bei so vielen in den Köpfen. Auch fehlt vielen das Unrechtsbewusstsein. Ich habe in den letzten Tagen viele Situationen erlebt. Situationen in denen wir mehrfach aufgefordert haben, dass die Vermummung abgelegt werden soll. Sitzblockaden aufgelöst werden sollen. Unsere Ansagen wurden stets ignoriert, daher wurde schließlich Zwang angedroht.
Wir haben jedem Bürger stets die Chance gegeben, dass er sich friedlich aus dem Protest entfernen kann. Diese Möglichkeit haben kaum welche genutzt. Daher mussten wir gegen die Teilnehmer körperlich vorgehen. Also würde ich sagen, dass die Gewalt oft von der Polizei ausging, jedoch war diese Gewalt berechtigt und angekündigt. Der Bürger sieht das dann immer anders. Ich bin dieses Mal etwas erleichtert und froh, dass zumindest die Medien nicht so einseitig und gegen die Polizei berichtet haben.

„Die Österreichische Polizei verweigerte den Dienst am Freitag“

Gab es Momente, wo Kollegen einen Befehl verweigert haben im Sinne des Beamtenrechts?
Wir haben Unterstützung aus der gesamten Bundesrepublik erhalten. So waren aber auch Polizisten aus den Niederlanden und aus Österreich bei uns. Die Österreichische Polizei (für die Begleitung von Delegierten zuständig) hat aufgrund der Gefahrenlage den Dienst am Freitag verweigert. Weitere Fälle sind mir nicht bekannt.

Wie viel Schlaf hatten Sie im Schnitt?
Seit Beginn der heißen Phase – also seit Donnerstag – hatten wir im Schnitt zwei bis drei Stunden Schlaf zwischen den Diensten.

Es ist schon eine traurige und erschreckende Angelegenheit. Wir sind so müde. Nicht mehr in der Lage klar zu denken. Dabei sollen wir draußen auf der Straße binnen kürzester Zeit Entscheidungen treffen, welche über die Freiheit, die körperliche Unversehrtheit und vielleicht sogar das Leben von Menschen entscheidet. Ich muss kein Arzt sein, um zu erkennen, dass sowas in solch einer körperlichen Verfassung nicht möglich ist. Ich meine, ich fahre ja auch nicht alkoholisiert Auto. Es kann gut gehen, muss aber nicht. In jedem Fall trage ich stets die Konsequenzen meiner Entscheidungen.

„Wir mussten zwei Tage mit der selben Wäsche auskommen“

Konnten Sie duschen?
Ich kann nur für die einheimischen Kräfte reden. Duschen waren vorhanden, aber für mehrere hundert Polizisten waren die zehn Duschen zu wenig. Außerdem musste abgewägt werden: Schlafen oder duschen. Selbst Schlafplätze waren zu wenig und wir mussten zwei Tage mit der selben Wäsche auskommen.

„Ohne die Gewerkschaft (…) wären wir oft aufgeschmissen gewesen“

Wie war die Verpflegung? 
Wir haben täglich jeweils ein Verpflegungsbeutel erhalten. Das war in Ordnung. Vor der heißen Phase war auch eine tägliche Warmspeise möglich.
Danach und in der heißen Phase war ein Verpflegungsbeutel über den Tag hinweg einfach zu wenig. Manche hatten Pech und weder Versorger der Polizei (Kaffee, Kuchen, Obst), noch die Gewerkschaften konnten diese Kollegen aufgrund der Gefahrensituation aufsuchen. Somit fand keine weitere Verpflegung statt. Ohne die Gewerkschaften – welche uns stets bestmöglich versorgt haben – wären wir oft aufgeschmissen gewesen.

Wurde unter den Kollegen diskutiert, ob Hamburg der richtige Ort für einen G20 Gipfel war?
Es wurde im Vorweg sehr oft und sehr viel diskutiert. Es wird immer noch diskutiert. Der Polizeiführer und Einsatzführer für OSZE/G20 – Herr Hartmut Dudde – soll der Kanzlerin sogar im Vorweg mitgeteilt haben, dass wir sowas in Hamburg nicht bewältigen können. Herr Dudde hat bei seinen Reden vor den Einsatzkräften oft gesagt, dass wir die Veranstaltung schützen müssen. Alles drum herum werden wir nicht schützen können und das wird auch nicht das Ziel der Polizei sein.
Die Kanzlerin bzw. der Bürgermeister Olaf Scholz haben dies ignoriert. Die PR-Aktion war viel zu wichtig.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde solche G20 Treffen sehr wichtig. Jedoch bin ich skeptisch bei der Wahl der Location. Wenn es nach mir geht, haben Olaf Scholz und Angela Merkel versagt. Aber leider werden diese nicht die Konsequenzen tragen. Wie mein ehemaliger Vorgesetzte einmal sagte: „Es wird immer das kleinste Schwein geschlachtet.“

«Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.»
(Olaf Scholz, SPD – Regierender Bürgermeister von Hamburg)

„Wir haben ein verzerrtes Bild in der Gesellschaft …“

Fühlen Sie sich und Ihre Kollegen von der Politik im Stich gelassen?

Hierzu muss ich sagen, dass ich ein sehr großes Empathieempfinden habe. Ich drücke bei Verkehrskontrollen ein Auge zu, obwohl ich das nicht darf, weil mir der Mensch in seiner persönlichen Situation ans Herz geht.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir als Polizei sehr großen Rückhalt seitens einzelner Politiker und seitens der Bevölkerung erhalten. Dieses ging mir ebenfalls sehr ans Herz.

Dieser Rückhalt hat mich persönlich immer sehr motiviert, sodass ich die Negativ-Beispiele einiger Politiker oder Bürger – welche ich oft schon fast persönlich nehme – verdrängt habe. Nichtsdestotrotz würde ich bis zum jetzigen Teil meiner Ausführung sagen, dass ich mich nicht im Stich gelassen fühle. Jedoch:

Wir haben ein verzerrtes Bild in der Gesellschaft und in der Politik. Eine Akzeptanz für linke Gewalt wird toleriert. Obwohl diese Gewalt keineswegs besser als rechte Gewalt ist.

Wenn eine autonome Gruppierung ein Haus besetzt und Forderungen stellt, gegen den Staat diese Forderungen unter Ankündigung von Gewalt untermauert. Dann scheint das in Ordnung zu sein. 

Wenn durch diese Gruppierung Schmierereien wie: „Fuck Cops“ oder „ACAB“ an Wände gesprüht werden. Auch dann ist es okay.

Was ist aber wenn wir die autonome Gruppierung durch eine rechtsmotivierte Gruppierung austauschen und diese statt „ACAB“ eher sowas wie „Deutschland den Deutschen“ an Wände schmiert?

Obwohl die eine Gruppierung nicht besser ist alles die andere, wird es zwei ganz unterschiedliche Meinungen und auch Urteile geben. Linke Gewalt wird toleriert, dabei ist diese nicht besser als Rechte. Und in dieser Hinsicht fühle ich mich in Stich gelassen.

„Ich als kurdischer Flüchtling, welcher in der
Türkei nie Recht und Ordnung erfahren hat“

Wir – die Polizei – repräsentieren diesen Staat. 

Angriffe auf uns sind Angriffe auf unseren Rechtsstaat.

Ich als kurdischer Flüchtling, welcher in der Türkei nie Recht und Ordnung erfahren hat, glaube an unseren Rechtsstaat. Ich werde für diesen immer einstehen und diesen verteidigen. Darauf habe ich einen Eid geleistet.

Manchmal wünsche ich mir, dass unsere Politiker sich an Ihren Eid, welcher zur Erinnerung wie folgt lautet, erinnern:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Sie haben mir ein Foto von Kollegen geschickt, welches ich als Titelfoto verwendet habe (siehe oben):

Als Abschluss das Bild. Einsatzkräfte, welche Aufgrund der Einsatzbelastung so erschöpft sind, dass sie auf dem Boden schlafen. Diese hätten sich durchaus krank melden können. Das wäre legitim. Aber das haben sie nicht.

Vielleicht weil sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollen.
Vielleicht weil sie für diesen Rechtsstaat bis zum Ende einstehen.
Vielleicht weil sie ihren Eid nicht vergessen haben.

Vielleicht aber auch nur, weil sie keine Kraft mehr für etwas anderes haben. 

Herzliche Dank für die klaren Worte!

Im Anhang die erste eMail, aus welcher dann im weiteren Dialog dieses Interview resultierte.
Zuerst veröffentlich auf der Facebookseite von Tobias Huch:

 

Unterstütze meine Arbeit

Persönliche Informationen

Spendensumme: €5,00

Load More
Something is wrong. Response takes too long or there is JS error. Press Ctrl+Shift+J or Cmd+Shift+J on a Mac.
Share This